Pflegeprotokolle
Pflegespezifische Beurteilung, Überwachung und Dokumentation für die Blutegeltherapie
Praxis-Kontext
Pflegekräfte spielen eine zentrale Rolle in der Hirudotherapie — von der Patientenbeurteilung vor dem Eingriff bis zur Nachsorge nach der Entlassung. Diese Protokolle bieten pflegespezifische Anleitungen für eine sichere und wirksame Umsetzung der Blutegeltherapie.
Beurteilung vor dem Eingriff
Checkliste zur Patientenbeurteilung
- Arztanordnungen überprüfen (Anzahl der Blutegel, Anwendungsstellen, Häufigkeit)
- Unterzeichnete informierte Einwilligung in der Krankenakte bestätigen
- Basis-Laborwerte überprüfen: Blutbild, PT/INR, aPTT, Typ und Screening
- Begonnene Antibiotikaprophylaxe überprüfen (ciprofloxacin oder TMP-SMX)
- Allergieanamnese überprüfen: Antibiotika, Latex, frühere Blutegel-Reaktionen
- Aktuelle Medikamente beurteilen: Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer, NSAIDs
- Basis-Vitalwerte erheben (BD, HF, O2-Sättigung, Temperatur)
- Bei chirurgischen Patienten: Gewebefarbe, kapilläre Rückfüllung, Doppler-Signal beurteilen
Kontraindikations-Screening
Absolut:
- Arterielle Insuffizienz an der Anwendungsstelle
- Hämophilie oder hämorrhagische Diathese
- Schwere Anämie (Hgb <8 g/dL ohne Transfusion)
- Aktive Sepsis
- Dekompensierte hepatobiliäre Erkrankung
Relativ:
- Schwangerschaft, Immunsuppression
- Antikoagulanzientherapie (mit dem Chirurgen koordinieren)
- Thrombozyten <50.000/µL
- INR >3,0
Anwendungsprotokoll
Schritt-für-Schritt-Anwendung
- Umgebung vorbereiten: Hinweis "Keine Duftstoffe" anbringen. Raumtemperatur 72-77°F sicherstellen. Patienten bequem positionieren.
- PSA anlegen: Nitrilhandschuhe (obligatorisch), Schutzkittel bei Spritzgefahr, Augenschutz bei Kopf-/Halsanwendungen.
- Stelle vorbereiten: Nur mit warmem Wasser reinigen — kein Alkohol, Betadin, Chlorhexidin oder duftende Seifen.
- Blutegel auswählen: Aktiv, beweglich, starker Kontraktionsreflex, glatter Körper, 6-10 cm ausgestreckt.
- Anwenden: Blutegel in kleinen, sauberen Behälter überführen. Über die vorbereitete Stelle umstülpen. Sobald die Nahrungsaufnahme beginnt, locker mit Gaze abdecken.
- Alternative (Spritzenführung): Kolben aus 5-10 mL-Spritze entfernen. Blutegel in den Zylinder geben. Spitze auf die Haut am genauen Ziel drücken.
- Wenn Blutegel verweigert: Warme, chemikalienfreie Haut sicherstellen. Mit steriler Nadel für Bluttröpfchen einstechen. Anderen Blutegel versuchen.
Patienten NIEMALS mit angesetzten Blutegeln unbeaufsichtigt lassen. Einen nahrungsaufnehmenden Blutegel NIEMALS gewaltsam entfernen.
Überwachungsparameter
| Parameter | Häufigkeit | Handlungsschwelle |
|---|---|---|
| Vitalwerte | Alle 30 Minuten | SBD <90 oder HF >120: auf Hypovolämie prüfen |
| Gewebebeurteilung | Alle 30 Minuten | Farbe, Turgor, kapilläre Rückfüllung, Doppler dokumentieren |
| Hämatokrit | Alle 4-8 Stunden | Hgb <7: transfundieren. Hgb 7-8: klinisches Urteil |
| Blutegel-Nahrungsaufnahmestatus | Kontinuierlich | Anhaftungszeit, Dauer, Ablösung dokumentieren |
| Blutung nach Ablösung | Alle 1-2 Stunden x 6 Stunden | Siehe Protokoll für übermäßige Blutung |
| Schmerz (NRS 0-10) | Alle 2 Stunden | >5: Paracetamol; NSAIDs vermeiden |
Versorgung nach Ablösung
Wundverband
- Saubere, trockene Gaze (4x4) über Biss auflegen — kein Druck
- Zusätzliche saugfähige Auflagen aufschichten
- Mit Klebeband oder leichtem Verband sichern — keine Kompression
- Bei Sättigung Schichten obendrauf hinzufügen — darunterliegenden Verband 24 Stunden lang NICHT entfernen
- Saugfähige Unterlagen unter den Behandlungsbereich legen
Erwartet: Sickern 4-24 Stunden. Anhaltendes Sickern ist erwartet und therapeutisch.
Blutegel-Entsorgung
- Abgelösten Blutegel in 70% Ethylalkohol legen
- Tod bestätigen (keine Bewegung für 5 Min.)
- In roten Biogefährdungs-Abfallbehälter überführen
- Gemäß OSHA-Standards versiegeln und beschriften
Einen Blutegel NIEMALS wiederverwenden. Einen gefütterten Blutegel NIEMALS in die Lagerung zurückbringen.
Dokumentationsanforderungen
Pflegedokumentation pro Sitzung
Während der Sitzung:
- Datum, Uhrzeit und Dauer der Sitzung
- Anzahl der angesetzten Blutegel
- Anatomische Lokalisation(en)
- Dauer der Anhaftung jedes Blutegels
- Blutung nach Ablösung: Dauer, geschätztes Volumen
- Vitalwerte vor und nach
Beurteilungsnotizen:
- Gewebebeurteilung (chirurgisch): Farbe, kapilläre Rückfüllung, Doppler, Temp
- Patientenverträglichkeit und unerwünschte Reaktionen
- Blutegel-Entsorgung bestätigt (biogefährdender Abfall)
- Antibiotikaprophylaxe gemäß Anordnung verabreicht
- Schmerzbewertungs-Scores
- Patienten-/Familienaufklärung erteilt
Komplikationserkennung
Infektionsanzeichen (Arzt benachrichtigen)
- Sich ausdehnendes Erythem unverhältnismäßig zur erwarteten Entzündung
- Eitriger Ausfluss aus der Bisswunde
- Verstärkte Wärme, Druckschmerz, Induration
- Fieber, Leukozytose, erhöhtes CRP
- Veränderung der Gewebefarbe, Turgorverlust
- Wachsamkeit für 26 Tage nach der letzten Anwendung aufrechterhalten
Notfallsituationen
- Anaphylaxie: Epinephrin i.m., Notfallreaktion auslösen
- Blutegel-Migration: In Mund/Nase/Ohr — sofortige Bergung, Atemweg beurteilen
- Übermäßige Blutung: Druck, Silbernitrat, topisches Thrombin, Naht bei Refraktärität
- Vasovagale Synkope: Trendelenburg-Lage, Vitalwerte überwachen
Verwandte Ressourcen
Klinische Protokolle
Schritt-für-Schritt klinische Protokolle für die Blutegelanwendung.
Sicherheit und Infektionskontrolle
Aeromonas-Prophylaxe und OSHA.
Komplikationsalgorithmen
Entscheidungsbäume für Komplikationen.
Clinical Knowledge Support
Tier A/B/C evidence framework — supports nurse-led monitoring and escalation thresholds.
